Auf einen Blick
- Sprecher: Diana Gantner liest ruhig und behutsam, ohne die schweren Passagen zu dramatisieren oder zu verharmlosen.
- Themen: Kindesmisshandlung, komplexe PTBS, Resilienz und der lange Weg zur Heilung
- Stimmung: Erschütternd und beklemmend, mit einem vorsichtigen Hoffnungsschimmer am Ende
- Fazit: Wer das Thema Traumabewältigung nüchtern und ohne Kitsch ertragen kann, findet hier ein aufwühlendes, mutiges Buch einer Frau, die ihrer Geschichte eine Stimme gibt.
Ich hatte Schmerzenskind an einem grauen Sonntagvormittag eingeschaltet, eigentlich nur um die ersten Minuten zu testen. Vier Stunden später saß ich noch immer auf dem Sofa, mit kaltem Kaffee neben mir und einem Gefühl, als hätte sich der Raum leicht verschoben. Das passiert mir selten bei Sachbüchern oder Memoiren. Bei diesem Buch war es unvermeidlich.
Nina Ziegler schildert, was ihr als Kind in der eigenen Familie angetan wurde: jahrelange körperliche Misshandlungen und sexueller Missbrauch durch den Stiefvater, während die Mutter nicht nur wegschaute, sondern aktiv beteiligt war. Diese Tatsache, dass die Mutter kein Schutzraum, sondern Teil des Terrors war, zieht sich als das eigentliche Trauma durch das gesamte Buch. Erst als Ninas leiblicher Vater die Spuren an ihrem neunjährigen Körper entdeckt und das Sorgerecht erstreitet, endet die akute Phase. Doch das Buch macht klar: Mit dem Auszug hört das Leiden nicht auf.
Die Stimme, die vor Gericht schweigen musste
Was dieses Hörbuch von anderen Trauma-Memoiren unterscheidet, ist der Ton, in dem Ziegler ihre Geschichte erzählt und in dem Diana Gantner sie spricht. Es gibt keine emotionale Überinszenierung, keine Dramaturgie, die auf Tränen aus ist. Gantner liest mit einer ruhigen, konzentrierten Sachlichkeit, die den Zuhörern erlaubt, selbst zu fühlen, was sie fühlen müssen, ohne von außen gesteuert zu werden. Das ist handwerklich schwierig und gelingt ihr gut. Gerade in den Passagen über Ninas Mutter, über das bewusste Wegsehen, die Mittäterschaft, hält Gantner die Stimme eben, ohne zu klingen als würde sie das Material auf Distanz halten. Sie hält es in der Schwebe.
Eine Rezensentin hat es treffend formuliert: Das Buch stellt keine Hilfe für Betroffene dar, sondern gibt dem Opfer eine Stimme, die von Rechtswegen verwehrt blieb. Das trifft den Kern. Ziegler schreibt nicht, um zu therapieren oder zu informieren. Sie schreibt, weil ihre Geschichte existiert und weil sie erzählt werden muss. Diesen Unterschied spürt man beim Hören an fast jeder Stelle.
Wenn Heilung keine Kurve ist, sondern ein Zickzack
Das Buch folgt Ziegler weit ins Erwachsenenalter. Der Auszug aus dem Elternhaus ist keine Befreiung, sondern der Beginn eines zweiten, inneren Leidenswegs. Komplexe PTBS, Schwierigkeiten in Beziehungen, die immer wieder aufbrechende Überzeugung, nicht liebenswert zu sein. Was das Buch gut macht: Es zeigt, dass Therapie kein linearer Prozess ist. Es gibt Rückschritte, Phasen der Stagnation, Momente in denen die Angst größer ist als der Fortschritt. Erst viele Jahre später, so beschreibt Ziegler es, beginnt sie wirklich für ein glückliches Leben zu kämpfen. Das ist keine Erfolgsgeschichte im üblichen Sinne. Es ist etwas Ehrlicheres.
Eine der weniger positiven Rezensionen wirft ein bemerkenswertes Problem auf: Eine Leserin, die selbst als Kind Gewalt erlebt hatte, empfand Zieglers Schilderungen als zu absolut, weil Ziegler immerhin einen Vater hatte, der sie liebte. Das ist ein schwieriger Punkt. Aber ich glaube, er verkennt, was Trauma ist: Es misst sich nicht im Vergleich. Zieglers Schmerz wird nicht kleiner, weil andere es schlimmer hatten. Und das Buch erhebt nie den Anspruch, den einzigen oder schlimmsten Leidensweg zu schildern.
Was dieses Hörbuch verlangt und was es zurückgibt
Es wäre unehrlich, dieses Hörbuch ohne Triggerwarnung zu empfehlen. Kindesmisshandlung, sexualisierte Gewalt, elterliche Täterschaft, komplexe PTBS: Das sind keine Themen am Rand des Buches, sondern sein Gegenstand. Wer selbst entsprechende Erfahrungen gemacht hat, sollte behutsam abwägen, ob der Zeitpunkt stimmt und ob die eigene Stabilität das zulässt.
Wer das Buch in einem stabilen Moment hört, erlebt etwas, das ich schätze: eine Geschichte, die weder sentimentalisiert noch voyeuristisch ist. Die sieben Stunden und dreißig Minuten vergehen ohne das Gefühl, ausgebeutet zu werden. Man begleitet eine Frau dabei, wie sie sich Stück für Stück das zurückerobert, was ihr gestohlen wurde. Das ist, trotz aller Dunkelheit, nicht ohne Würde.
Für wen dieses Hörbuch ist
Dieses Hörbuch ist für Leserinnen und Leser, die sich für Trauma-Literatur interessieren und das Thema Kindesmisshandlung nüchtern und ohne Beschönigung hören können. Es ist für Menschen, die verstehen wollen, wie komplexe PTBS das Leben prägt, lange über die eigentliche Gewalterfahrung hinaus. Es ist nicht geeignet als Ratgeber oder Therapieersatz und stellt sich auch selbst nicht als solchen dar. Wer sich dagegen von Überlebensgeschichten leicht mitreißen lässt und danach emotional schwer landet, sollte sich Zeit für dieses Hörbuch nehmen, einen stabilen Rahmen wählen und gegebenenfalls Pausen einplanen.