Auf einen Blick
- Sprecher: Oliver Siebeck begleitet die Reihe seit Band 1 und verleiht Capitaine Blanc, Marius Tonon und Fabienne Souillard ihre vertrauten Stimmen. Solide, atmosphärische Leistung ohne Überraschungen.
- Themen: Archäologie und dunkle Geschichte, Doppelleben und verborgene Motive, Provence als Sehnsuchtsort mit Schattenseiten
- Stimmung: Gemächlich und atmosphärisch, mit Sonnenlicht und Schatten in gleichen Teilen
- Fazit: Ein gelungener Wiedereinstieg nach einem schwächeren Vorgängerband — für Reihen-Fans eine sichere Wahl, für Neueinsteiger kein geeigneter Startpunkt.
Es war ein Dienstagabend Ende Oktober, als ich die ersten Kapitel von « Rätselhaftes Saint-Rémy » anstellte. Draußen regnete es, und ich hatte ehrlich gesagt wenig Lust auf etwas Anstrengendes. Ich wollte Landschaft, ich wollte Sonne, ich wollte diesen bestimmten Geruch nach Lavendel und altem Stein, den Cay Rademacher so zuverlässig auf die Ohren zaubert. Band zwölf der Provence-Krimi-Reihe kam also genau zur richtigen Zeit.
Ich kenne die Reihe gut. Nicht alle Bände gleich — das wäre gelogen. Es gibt die großartigen unter ihnen, wie « Schweigendes Les Baux » oder « Verlorenes Vernègues », und es gibt jene, bei denen man merkt, dass die Formel etwas müde wird. « Unheilvolles Lançon », der elfte Band, war für mich so ein Fall. Umso neugieriger war ich, was Band zwölf bringen würde.
Glanum: Wenn die Kulisse zur Komplizin wird
Die stärkste Entscheidung dieses Bandes ist die Wahl des Tatorts. Glanum, die antike Ruinenstadt unmittelbar südlich von Saint-Rémy-de-Provence, gehört zu jenen Orten, die man kennen sollte und meist nicht kennt. Rademacher nutzt das voll aus. Die seit eineinhalb Jahrtausenden verlassene Stadt, dieses « Pompeji der Provence », hat eine Atmosphäre, die kaum zu erfinden wäre: keltische, griechische, römische Schichten übereinander, eine heilige Quelle, die allen antiken Kulturen der Region als Heiligtum diente, und heute Touristen, die gelangweilt zwischen Steinen stehen.
In diesen Schacht, in diese uralte heilige Quelle, legt Rademacher seinen Toten. Ein junger Archäologe der Sorbonne, der mit einer kleinen Gruppe eine Routinegrabung durchführen sollte und nachts ermordet aufgefunden wird. Was er wirklich suchte, ist die eigentliche Frage des Romans — und Rademacher hat hier einen sauber konstruierten Doppelboden eingebaut, der das historische Setting sinnvoll in den Fall integriert. Das ist, wenn er es richtig macht, sein bestes Können.
Blanc, Tonon und Souillard — mit privatem Gepäck
Oliver Siebeck ist seit Band eins die Stimme dieser Reihe, und das spürt man. Er kennt diese Figuren. Capitaine Roger Blanc klingt bei ihm nach einem Mann, der zu viel nachdenkt und zu wenig schläft. Marius Tonon trägt seine Schwere ohne Melodrama. Fabienne Souillard hat diese leichte Schärfe, die ihrem Charakter entspricht. Siebeck differenziert subtil, nie übertrieben — was zu Rademachers Tonfall passt, der selbst eher lakonisch als dramatisch ist.
Die privaten Probleme, mit denen Tonon und Souillard in diesem Band zu kämpfen haben, werden im Klappentext bewusst vage gehalten, und das ist gut so. Ich werde das hier nicht auflösen. Was ich sagen kann: Rademacher nutzt die Privatstränge in « Rätselhaftes Saint-Rémy » besser als in manchen Vorgändern, wo sie sich eher wie Lückenfüller anfühlten. Hier haben sie eine Funktion für das Ensemble-Gefüge.
Was die gemischten Rezensionen meinen
Eine Leserin hat in ihrer Rezension etwas geschrieben, das mich nachdenklich gemacht hat: Die Handlung verliere sich « unnötig in unwichtigen Details », und « jeder zweite Satz » beginne mit dem gleichen Muster. Ich verstehe, was sie meint. Rademacher hat einen Rhythmus, der für manche Strecken lang ist. Die Provence-Beschreibungen — das Licht, die Hitze, der Mistral, die Steine — sind ausführlich. Wer das als Qualität schätzt, wird zufrieden sein. Wer rasche Handlung erwartet, wird an manchen Stellen ungeduldig.
Was ich für mich festgestellt habe: Die Vorausschaubarkeit, die eine andere Leserin moniert, ist real, aber nicht vollständig fair. Rademacher schreibt keine Rätselkrimis, bei denen man fieberhaft mitlöst. Er schreibt atmosphärische Ermittlungsgeschichten, bei denen das Wer oft weniger wichtig ist als das Warum und das Wo. Wer das akzeptiert, findet in diesem Band einen der stärkeren Einträge der Reihe. Und das nach dem eher zähen elften Band ist tatsächlich eine angenehme Überraschung.
Für wen dieser Band ist
Wer Reihen-Fan ist und Band elf mit gemischten Gefühlen abgeschlossen hat, darf aufatmen: Das hier ist ein Schritt zurück in die richtige Richtung. Die Kombination aus archäologischem Setting, historischem Unterbau und dem vertrauten Ensemble funktioniert. Oliver Siebeck liefert ab, Rademacher liefert die Provence in HD.
Für absolute Neueinsteiger ist Band zwölf kein Einstiegspunkt. Die Figurengeschichten tragen zu viel Vorwissen, und der emotionale Resonanzboden von Blanc und seinen Kollegen erschließt sich erst nach einigen Bänden. Wer mit der Reihe beginnen will, sollte bei « Mörderischer Mistral » anfangen — der Einstiegsband funktioniert heute noch gut.