Auf einen Blick
- Sprecher: Stefan Wilkening liest Boris Herrmanns Text mit ruhiger Kraft und einer Präzision, die die Einsamkeit auf dem offenen Ozean greifbar macht, ohne je ins Dramatische zu kippen.
- Themen: Extremsport und Selbstüberwindung, Einsamkeit und mentale Stärke, Meeresschutz und Klimabewusstsein
- Stimmung: Weit, nachdenklich und leise elektrisierend
- Fazit: Wer schon einmal an der Grenze seiner eigenen Möglichkeiten stand und sich gefragt hat, was dahinter liegt, wird dieses Hörbuch nicht so schnell vergessen.
Ich habe dieses Hörbuch an einem langen Wochenende begonnen, irgendwo zwischen Hausarbeit und einem freien Nachmittag auf dem Sofa. Neun Stunden Boris Herrmann, neun Stunden allein auf dem Meer. Was mich erwartet hatte, ahnte ich ungefähr. Was mich tatsächlich erwischte, hatte ich so nicht geplant.
Die Vendée Globe ist eine der härtesten Regatten der Welt: einmal rund um den Globus, allein, ohne Zwischenstopp, ohne fremde Hilfe. Boris Herrmann startete als erster Deutscher bei diesem Rennen und belegte am Ende den fünften Platz. Klingt nach einer sportlichen Erfolgsgeschichte, und das ist es auch, aber eben nicht nur.
Die Stille zwischen den Böen
Was Herrmanns Buch von vielen Sportlermemoiren unterscheidet, ist seine Bereitschaft zur Verlangsamung. Er beschreibt nicht nur die Dramatik, die Beinahe-Kollisionen, die Erschöpfung. Er hält auch inne bei den Momenten, in denen nichts passiert außer Wind, Wasser und dem eigenen Gedankenstrom. Die Passage, in der er beschreibt, wie weit er vom Festland entfernt war, weiter als die Astronauten der ISS von der Erde, hat mich kurz aus der Geschichte herausgerissen. Ich musste die Kopfhörer absetzen und das kurz verdauen.
Stefan Wilkening liest diesen Text mit einer Zurückhaltung, die absolut passt. Er bringt Herrmanns Worte nicht zur Schau, er trägt sie. Seine Stimme hat eine Bodenständigkeit, die gut zu einem Mann passt, der lieber über das nächste Wettersystem nachdenkt als über Heldenpose. An keiner Stelle wirkt die Narration aufgesetzt. Das ist bei Sachbüchern und Memoiren keine Selbstverständlichkeit.
80 Tage, und was danach bleibt
Was mich überrascht hat: Herrmann schreibt offen über Zweifel, über mentale Tiefpunkte, über die seltsame Zeitwahrnehmung nach Wochen ohne normalen Schlaf. Er ist kein Typ, der Schwäche wegretouchiert. Gleichzeitig verfällt er nie in Selbstmitleid. Das Gleichgewicht ist schwer zu halten und er hält es.
Gut gefallen hat mir auch der Umgang mit dem Thema Meeresschutz. Herrmann hat 2019 Greta Thunberg mit seiner Rennjacht über den Atlantik nach New York gebracht, und sein Engagement für den Klimaschutz zieht sich durch das gesamte Buch, ohne lehrerhaft zu werden. Es klingt wie jemand, der echte Konsequenzen aus dem zieht, was er gesehen hat. Tausende Kilometer offenes Wasser, Plastik darin, Temperaturen, die nicht stimmen. Das tut etwas mit einem Menschen.
Kein Segelbuch für Segler
Die Rezensentin Elly schreibt, dass ganz Deutschland Boris Herrmann während des Corona-Lockdowns über alle Kanäle begleitet hat. Ich kann das nachvollziehen. Es war eine merkwürdige Zeit, in der ein Mann allein auf einem Boot ums Kap Hoorn fuhr, während die meisten von uns ihre vier Wände nicht verlassen durften. Dieser Kontrast hat das Rennen damals für viele zu etwas mehr als Sport gemacht.
Das Hörbuch destilliert diese Energie. Auch wer noch nie ein Segel angefasst hat, findet hier genug Substanz: über Willenskraft, über das Ertragen von Stille, über den Unterschied zwischen einem Traum und der Bereitschaft, ihn tatsächlich zu verfolgen. Eine Leserin formulierte es gut: Herrmann zeige, was möglich wird, wenn man etwas wirklich will. Das klingt nach Motivationsplakat, ist aber im Buch aus konkreter Erfahrung destilliert.
Kleine Einschränkung: Wer technische Tiefe über Segeltaktik oder Bootsdesign erwartet, wird stellenweise enttäuscht. Das ist kein Handbuch für den Offshore-Regattasport. Herrmann erklärt so viel, wie nötig ist, um Entscheidungen verständlich zu machen, und lässt es dann gut sein. Das ist eine bewusste Wahl, und ich halte sie für richtig für dieses Publikum.
Wer sollte dieses Hörbuch hören, wer besser nicht
Dieses Hörbuch funktioniert für Menschen, die sich für Abenteuer interessieren, ohne selbst Extremsportler zu sein, für alle, die Gefallen an ruhig erzählten Memoiren finden, und für jeden, der sich gelegentlich fragt, wie weit man mit einem einzigen starken Willen kommt. Wer dagegen Action im Stakkato erwartet oder eine klare Antwort auf die Frage sucht, wie man sportlich am besten trainiert, ist hier falsch. Das Buch bewegt sich im Inneren, nicht auf der Rennstrecke.