Auf einen Blick
- Sprecher: Stefan Lehnen liest ruhig und klar, passt gut zum sachlichen Memoir-Ton, ohne die Anekdoten zu dramatisieren.
- Themen: Aufstieg aus einfachen Verhältnissen, die Schattenseiten des Erfolgs, Macht im Profi-Fußball
- Stimmung: Einblick hinter die Kulissen, nüchtern und ehrlich
- Fazit: Wer wissen will, was hinter Transfers wie Toni Kroos zu Real Madrid wirklich steckt, bekommt eine seltene Innenperspektive.
Als das WM-Finale 2014 in extra time ging und Mario Götze den entscheidenden Treffer machte, saß ich in einer Bar in Berlin und war einer von Millionen Menschen, die diesen Moment verfolgten. Was ich nicht wusste: Volker Struth hatte drei Tage zuvor noch mit Götze gesprochen, ihm Mut zugesprochen, und niemand außerhalb des engsten Kreises hatte davon eine Ahnung. Genau solche Momente sind es, die « Meine Spielzüge » interessant machen.
Struth ist kein Name, den die meisten Fußballfans auf Anhieb kennen. Das ist das Wesen des Spielerberaters: Maximaler Einfluss, minimale Sichtbarkeit. Man sieht die Spieler auf dem Rasen, die Vereinsbosse bei Pressekonferenzen, die Trainer an der Seitenlinie. Den Mann, der im Hintergrund die Vertragsdetails aushandelt und manchmal das Zünglein an der Waage eines Weltklassewechsels ist, sieht man nicht. « Meine Spielzüge » öffnet diese Tür.
Vom Arbeiterviertel in die Welt des Millionenfußballs
Struth ist in Pulheim bei Köln aufgewachsen, in einer Arbeitersiedlung, ohne den privilegierten Hintergrund, den man mit seiner heutigen Position verbinden würde. Das gibt dem Buch eine Bodenständigkeit, die es vor der Gefahr des Selbstbeweihräucherens bewahrt. Er beschreibt seinen Weg nicht als zwangsläufig oder vorhersehbar, sondern als eine Abfolge von Entscheidungen, Gelegenheiten und Risiken. Man glaubt ihm, wenn er sagt, es hätte auch anders kommen können.
Die konkreten Geschichten sind das Herzstück des Buches. Der Toni-Kroos-Wechsel von Bayern München zu Real Madrid, bei dem Struth vom FC Bayern Millionen mehr herausholte, als zunächst auf dem Tisch lagen. Die Gespräche vor Finalspielen. Die Verhandlungen, die scheitern, weil ein Klub zwei Tage zu spät antwortet. Was Struth gut macht: Er vermeidet es, seine eigene Rolle zu überhöhen. Er erzählt, was er getan hat, ohne dabei die Spieler oder Vereine kleinzumachen, mit denen er gearbeitet hat.
Was Stefan Lehnen richtig macht
Stefan Lehnen liest dieses Buch mit einem Ton, der sehr gut zur Materie passt. Er dramatisiert nicht, und das ist die richtige Entscheidung. Struth ist kein Showman, und der Text ist es auch nicht. Lehnen lässt die Anekdoten für sich sprechen, moduliert seine Stimme bei den stärkeren persönlichen Passagen subtil, aber spürbar, und hält das Tempo über die zehn Stunden und dreißig Minuten konstant. Es gibt keine Stellen, an denen ich das Gefühl hatte, der Sprecher kämpft gegen das Material. Das ist mehr wert, als es klingt.
Ein Rezensent hat bemängelt, er hätte sich mehr Einblick in die Spieler selbst gewünscht, weniger in Struths eigene Person. Das ist ein verständlicher Wunsch. Das Buch ist aber eine Autobiografie, kein journalistisches Porträt des Spielerberater-Betriebs. Wer Hintergrundgeschichten zu konkreten Stars erwartet, wird an manchen Stellen auf Verschlossenheit stoßen. Struth kann und darf nicht alles erzählen, was er weiß. Das macht das Buch zu dem, was es ist: einer selektiven Innenperspektive, nicht einem vollständigen Enthüllungsbuch.
Der Preis des Erfolgs, sachlich benannt
Was ich an « Meine Spielzüge » respektiere: Struth benennt, was er für seinen Aufstieg bezahlt hat. Gesundheit, Familienzeit, Freundschaften. Er stellt das nicht dramatisch aus, aber er unterschlägt es auch nicht. Diese Ehrlichkeit gibt dem Buch ein Gewicht, das reine Erfolgsgeschichten oft vermissen lassen. Man legt das Hörbuch nicht mit dem Eindruck ab, man hätte gerade eine Motivationsbroschüre gehört. Man hat stattdessen das Gefühl, jemandem zugehört zu haben, der wirklich dort war und versucht, fair darüber zu berichten.
Für wen das Hörbuch geeignet ist
Fußballfans, die sich für das Geschäft hinter dem Spiel interessieren, werden hier am meisten mitnehmen. Auch Leserinnen und Leser, die sich für Karrieregeschichten aus nicht-akademischen Berufsfeldern interessieren, finden einen interessanten Gesprächspartner. Wer ausschließlich Spielerporträts erwartet oder taktische Analysen des deutschen Fußballs, ist hier falsch. Und wer kein Interesse am Profi-Fußball hat, wird kaum einen Zugang zur Materie finden, auch wenn die unternehmerischen Aspekte von Struths Geschichte breitere Relevanz haben.