Auf einen Blick
- Sprecher: Martin Frank liest sein eigenes Buch mit niederbayerischem Charme und einer Natürlichkeit, die kein professioneller Sprecher hätte imitieren können.
- Themen: Pflege von Angehörigen, Trauerverarbeitung, Familienliebe
- Stimmung: Herzerwärmend und komisch, mit leisen Momenten echter Trauer
- Fazit: Wer schon einmal einen Menschen gepflegt hat oder einfach wissen möchte, wie Liebe im Alltag aussieht, sollte dieses Hörbuch nicht verpassen.
Manche Hörbücher erwische ich in der falschen Stimmung. Ich hatte gerade eine langen Arbeitswoche hinter mir, wollte eigentlich etwas Leichtes hören, und tippte fast reflexartig auf einen Krimi. Dann fiel mir der Titel ins Auge: Oma, ich fahr schon mal den Rollstuhl vor! Von Martin Frank. Den kannte ich vom Fernsehen, dieser freundlich-scheppernde Kabarettist aus Niederbayern. Ich dachte: passt, das wird witzig. Was ich nicht ahnte: dass mich dieses knapp sechsstündige Hörbuch am Sonntagabend mit einem Glas Tee auf dem Sofa zum Weinen bringen würde. Aber auf die beste Art, die es gibt.
Martin Frank hat dieses Buch über fünf Jahre seines Lebens geschrieben, die er damit verbrachte, seine Oma nach ihrem Schlaganfall zu pflegen. Er war damals 19. Kein Pflegestudium, kein Plan, kein Handbuch. Nur er, sie, und das niederbayerische Bauernhaus, in dem er aufgewachsen war. Der Titel klingt wie eine Pointe, und er ist eine. Aber er ist auch das genaue Gegenteil davon.
Wenn der Kabarettist zum Erzähler wird
Frank liest sein eigenes Buch, und das ist hier keine Selbstverständlichkeit, die man kurz erwähnt und weitermacht. Diese Entscheidung trägt das gesamte Hörbuch. Seine Stimme kennt jeden Satz von innen heraus. Er weiß, wo die Stille sitzen muss, wo die Lache kommt, und wann er einfach weiterredet, weil es sonst zu viel wäre. Der Dialekt ist kein Accessoire, er ist Substanz. Wenn er von der Oma spricht, wie sie mit verrutschter Schürze am Tisch sitzt und auf den Kaffee wartet, dann ist das keine Bühnenszene. Das ist Erinnerung, und man hört den Unterschied.
Hörer, die Martin Frank nur als Komiker kennen, werden staunen, wie präzise er zwischen Komik und Ernst wechselt, ohne dass einer von beiden Schaden nimmt. Das ist keine Eigenschaft, die sich trainieren lässt. Die kommt aus echter Erfahrung.
Pflege als Alltag, nicht als Drama
Was Frank beschreibt, ist kein Heldenepos. Er schreibt keine Pflegegeschichte, die man im Wartezimmer beim Arzt liest und dann wieder weglegt. Er beschreibt den Moment, wenn die Oma beim Frühstück etwas sagt, das keinen Sinn ergibt, und er lernt, damit umzugehen. Er beschreibt die Müdigkeit. Den Humor, den man braucht, um nicht daran zugrunde zu gehen. Die Schönheit von kleinen Tagen. Ein Rezensent schrieb, er fühle sich, als wäre er bei Franks Erlebnissen dabei gewesen. Genau das. Kein einziger Satz in diesen fast sechs Stunden klingt inszeniert.
Das Buch handelt von Liebe, aber Frank sagt das Wort kaum. Er zeigt es. Durch das Vorschieben des Rollstuhls. Durch das Aufmachen der Milchflasche. Durch das Ausharren. Das ist die älteste und ehrlichste Form zu schreiben, die es gibt.
Wo das Lachen endet und die Stille beginnt
Es wäre unehrlich, dieses Hörbuch nur als humorvoll zu beschreiben. Frank lässt die schweren Momente stehen. Der Tod der Oma ist kein Spoiler, er ist der Rahmen des ganzen Buches. Und wenn Frank davon erzählt, auf diese leise, bayrische Art, bei der man nie sicher ist, ob er gleich einen Witz macht oder weint, dann ist das einer der stärksten Momente, die ich in letzter Zeit in einem Hörbuch erlebt habe.
Eine Rezension auf Amazon trifft es gut: abwechselnd schmunzeln, lachen, heulen. In dieser Reihenfolge. Manchmal auch gleichzeitig.
Wer sollte zuhören, wer lieber nicht
Dieses Hörbuch ist für alle, die selbst schon jemanden gepflegt haben oder gerade mitten darin stecken und ein bisschen Atem brauchen. Für alle, die ihre Großeltern vermissen. Für alle, die gerne zuhören, wie ein Mensch ehrlich über etwas spricht, das ihn geformt hat. Es ist kein Ratgeber, kein Therapeutikum, kein Comedy-Special. Es ist ein Memoir, wie es ein 25-jähriger Kabarettist aus Niederbayern eben schreibt: mit Herz, Dialekt und ohne Schnörkel. Wer nach unterhaltsamer Leichtigkeit ohne emotionalen Unterton sucht, ist hier falsch. Alle anderen: unbedingt.