Auf einen Blick
- Sprecher: Wladimir Kaminer spricht sein eigenes Buch. Die leicht fremd klingende Stimme mit russischem Einschlag ist Programm und kein Makel.
- Themen: Kreuzfahrtkultur und ihre Absurditäten, das beobachtende Auge des Fremden, leichte Reiseliteratur
- Stimmung: Gelassen und schmunzelnd, mit gelegentlichem Biss
- Fazit: Für Kaminer-Kenner ein kurzweiliges Vergnügen. Für alle anderen ein guter Einstieg in seinen Stil, der aber nicht sein stärkstes Buch ist.
Ich war auf einer Zugreise von Hamburg nach Berlin, als ich « Kreuzfahrer » angefangen habe. Zwei Stunden und dreißig Minuten Laufzeit, zwei Stunden und dreißig Minuten Zugfahrt. Das war, ich gebe es zu, kein Zufall. Und es hat funktioniert. Wladimir Kaminer auf Kreuzfahrt ist nicht ganz dasselbe wie Kaminer in Berlin, aber es ist immer noch Kaminer, und das reicht für angenehme zweieinhalb Stunden.
Kaminer ist eine der eigentümlichsten Erscheinungen der deutschsprachigen Literaturlandschaft. Als Russe, der Anfang der 1990er nach Berlin kam, hat er sich eine Schreibstimme erschrieben, die von seiner Position als beobachtender Außenseiter lebt. Seine Bücher laufen gut, weil er Menschen ansieht und beschreibt, was er sieht, und dabei eine Direktheit hat, die deutschen Autoren oft fehlt, weil sie in ihrer eigenen Welt stecken.
Das Schiff als soziales Labor
Das Kreuzfahrtschiff ist, wenn man darüber nachdenkt, ein ideales Beobachtungsfeld für jemanden wie Kaminer. Ein abgeschlossener Raum, auf dem Menschen aller Nationalitäten und Hintergründe für Tage oder Wochen zusammengedrängt werden. Pool, Bar, Tanzabend, Frühstücksbüffet, Landausflug: die Infrastruktur ist immer dieselbe. Aber die Menschen, die sich in ihr bewegen, sind immer unterschiedlich. Kaminer beobachtet das Zusammenspiel von Russen, Amerikanern, Schwaben und Sachsen mit jener feinen Ironie, die seine Anhänger seit « Russendisko » schätzen.
Die Stärke dieser Passagen liegt in der Beobachtungsgenauigkeit. Kaminer sieht Details, die anderen entgehen: den deutschen Touristen, der sich einen Platz am Pool um sechs Uhr morgens mit dem Handtuch reserviert, das russische Ehepaar, das in der Karibik aussteigt und sofort nach einem russischen Restaurant sucht. Diese Szenen sind pointiert und treffen.
Was das Schiff verbirgt und was es zeigt
Ein kritischer Rezensent merkt an, dass Kaminer auf Einladung fuhr, die Reisen also kostenfrei waren, und dass sich das auf den Ton des Buches auswirkt. Das ist eine berechtigte Beobachtung. « Kreuzfahrer » ist kein investigatives Buch über die Kreuzfahrtindustrie, keine Kritik an Massenschiffstourismus, kein politischer Essay. Es ist Unterhaltungsliteratur, die das beschreibt, was Kaminer sah und erlebt hat, ohne den unangenehmen Fragen nach Umwelt, Arbeitsbedingungen an Bord oder der ökonomischen Logik des Massentourismus nachzugehen.
Das ist eine Einschränkung. Wer von Kaminer Tiefe erwartet, die über die charmante Oberfläche hinausgeht, wird feststellen, dass er sie in diesem Buch nicht durchgehend bekommt. Das Buch ist leicht. Das ist keine Aussage über mangelndes Talent, sondern über den Anspruch des Titels. Leichte Kost von einem Autor, der auch schwere Kost kann.
Wladimir Kaminer als Sprecher des eigenen Buches
Kaminer ist kein ausgebildeter Sprecher, und das merkt man. Sein russischer Akzent, der sich in Jahrzehnten in Deutschland nicht vollständig aufgelöst hat, ist Teil des Klangs dieser Lesung. Manche finden das störend, ich finde es passend. Die Fremdheit der Stimme korrespondiert mit der Thematik: ein Beobachter von außen, der über Menschen schreibt, die sich in einer künstlichen Welt eingerichtet haben.
Das Tempo der Lesung ist ruhig. Kaminer hetzt nicht. Bei 2 Stunden und 30 Minuten Laufzeit ist das eine Stärke: das Hörbuch atmet. Wer es im Hintergrund hört, wird Passagen verpassen. Es ist kein Hörbuch für Nebentätigkeiten, auch wenn das durch die entspannte Atmosphäre suggeriert werden könnte.
Für wen zweieinhalb Stunden Hochsee sich lohnen
Wer Kaminer kennt und mag, findet hier seinen Stil in vertrauter Form. Das Buch ist kein Meisterwerk der Gattung, aber ein verlässliches Kaminer-Buch, und das ist für die Fangemeinde ausreichend. Wer Kreuzfahrten kennt, wird die Beschreibungen mit Wiedererkennen hören. Wer sich für die Absurditäten der Urlaubskultur interessiert, ohne tiefer gehen zu wollen, ist gut bedient. Für Kaminer-Erstleser ist es ein möglicher Einstieg, aber nicht sein zugänglichstes Werk. Dafür eher « Russendisko » oder « Mein deutsches Dschungelbuch » empfehlen.