Auf einen Blick
- Sprecher: Rainer M. Schießler liest sein eigenes Buch vor Wirtshausatmosphäre und trifft damit den Ton seiner Lesungen genau.
- Themen: Kirchenreform von innen, persönlicher Glaube, bayerische Bodenständigkeit im Pfarramt
- Stimmung: Herzlich, direkt, mit Humor und Nachdenklichkeit
- Fazit: Ein kurzweiliges Hörerlebnis von kaum einer Stunde, das neugierig auf das vollständige Buch macht.
Ich war schon eine Weile neugierig auf Rainer M. Schießler, den Münchner Pfarrer, der an Heiligabend einen DJ auflegen lässt und seinen Gottesdienst mit Sektausschank beendet, weil, wie er sagt, der Geburtstag Jesu gefeiert werden soll. Als dieses Hörbuch in meiner Liste auftauchte, habe ich ohne viel Nachdenken auf Play gedrückt. Ich war etwas überrascht, als ich kurz nach Beginn feststellte, dass es schon wieder vorbei war.
Denn das ist das Wichtigste, was ich zuerst sagen sollte: Diese Aufnahme dauert 58 Minuten. Es handelt sich um einen Auszug, nicht um das vollständige Hörbuch. Man hört Schießler dabei zu, wie er Passagen aus seinem Buch vorliest, untermalt von Wirtshausgeräuschen, einem Hauch Biergartenatmosphäre im Hintergrund. Das ist kein technischer Fehler, sondern Absicht. Es soll die Atmosphäre seiner Live-Lesungen einfangen, die nach Aussage vieler Zuhörer besonders mitreißend sind.
Ausschnitte, die das Ganze ahnen lassen
Vier Kapitel sind enthalten: Berufung, Leben, Beten und die Komplet. Das ist eine kluge Auswahl, die Schießlers Themenspektrum andeutet, ohne es auszuschöpfen. Er spricht über seinen Weg ins Pfarramt, über seine Haltung zum Gebet, über das, was er unter einem lebendigen Glauben versteht. Und er spricht darüber auf eine Weise, die man nicht von Kanzeln erwartet: geradeheraus, mit Selbstironie, ohne Weihrauchgestus. Sein Rezept heißt Klartext, und das merkt man vom ersten Satz an.
Schießler ist kein ausgebildeter Hörbuchsprecher, aber das braucht er nicht zu sein. Seine Stimme ist warm, seine Lese-Dynamik kommt aus der Gewohnheit des öffentlichen Sprechens. Er klingt wie jemand, der seinen Stoff kennt und Freude daran hat, ihn zu teilen. Die Wirtshausatmosphäre wirkt anfangs leicht ungewohnt, aber sie passt: Sie macht aus der Lektüre eine Art Gesprächssituation, kein Vortrag, sondern ein Abend an einem guten Tisch.
Kirchenkritik aus dem Inneren
Was Schießler interessant macht, ist seine Position. Er ist kein Aussteiger, der von außen kritisiert, sondern jemand, der bleibt und verändert. Er segnet Motorräder, er öffnet seine Kirche für Menschen, die anderswo keine mehr finden, er fordert eine Kirche, die sprachfähig ist. Das ist eine Art von Kritik, die nicht auf Empörung aus ist, sondern auf Verbesserung. Ob man das als naive Hoffnung oder als realistischen Reformwillen liest, hängt vom eigenen Verhältnis zur Institution ab. Schießler selbst lässt an seiner Position keinen Zweifel.
Mehrere Rezensenten schreiben, das Buch habe sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken gebracht. Diese Bandbreite ist das Markenzeichen seines Stils. Ein Rezensent erwähnt, er habe Schießler bei der Segnung der Iberl Bühne erlebt und sei von seiner Herzlichkeit fasziniert gewesen. Die Hörbuchaufnahme transportiert genau das: Herzlichkeit als inhaltliche Haltung, nicht nur als Sprechweise.
Wer dieses Hörbuch hören sollte
Wer Rainer M. Schießler bereits kennt und schätzt, findet hier eine kurzweilige Stunde, die seinen Ton gut einfängt. Wer neugierig auf ihn ist und noch nicht in das Buch eingestiegen ist, bekommt einen echten Vorgeschmack. Wer das vollständige Buch hören möchte, wird hier nicht vollständig bedient. Die 58 Minuten sind ehrlich gesagt eher eine ausgedehnte Hörprobe als ein eigenständiges Hörbuch. Wer allerdings in einer langen Mittagspause Platz hat und Lust auf einen ungewöhnlichen Pfarrer aus Bayern, dem reicht das völlig.