Auf einen Blick
- Sprecher: Stefan Lehnen hält ein hohes Tempo ohne zu hetzen, ideal für diesen dichten Investigativstoff.
- Themen: Finanzbetrug, Wirtschaftsjournalismus, Versagen von Aufsichtsbehörden
- Stimmung: Beunruhigend nüchtern, wie ein langer investigativer Artikel, den man nicht weglegen kann
- Fazit: Wer verstehen will, wie ein Milliardenbetrug mitten in Deutschland möglich war, hört hier die gründlichste Aufarbeitung, die es gibt.
Es gibt Bücher, über die ich vor dem Hören bereits viel gelesen habe, und trotzdem fange ich irgendwann an, laut vor mich hin zu fluchen. « Die Wirecard-Story » war so ein Fall. Ich kenne den Skandal in Grundzügen, hatte die Berichterstattung in der WirtschaftsWoche über die Jahre verfolgt, und trotzdem saß ich an einem Dienstagnachmittag auf meinem Balkon und murmelte immer wieder: « Das kann doch nicht wahr sein. »
Genau das ist die Stärke dieses Hörbuchs. Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg waren nicht einfach Zaungäste des Wirecard-Zusammenbruchs. Sie haben das Unternehmen jahrelang kritisch begleitet, wurden für ihre Skepsis zeitweise sogar angegangen, und ihr Buch ist das Ergebnis dieser langen, mühsamen Nähe zu einem der abstrusesten Unternehmensgebilde, das die deutsche Wirtschaftsgeschichte je hervorgebracht hat.
Zwei Journalisten, ein Jahrzehnt Recherche
Was dieses Buch von reinen Zusammenfassungen des Wirecard-Skandals unterscheidet, ist die Innenperspektive. Bergermann und ter Haseborg haben Zugang zu Informanten gehabt, die anderen nicht offen standen. Sie schildern, wie Markus Braun Anfang der 2000er Jahre die Kontrolle über Wirecard unter fragwürdigen Methoden übernahm, wie das Unternehmen sich von einem dubiosen Zahlungsabwickler im Porno- und Glücksspielmilieu zu einem angeblichen deutschen Tech-Champion wandelte, der Tesla des internationalen Zahlungsverkehrs werden sollte, und wie dieses Bild so lange aufrechterhalten werden konnte, bis der Beleg für 1,9 Milliarden Euro auf einem philippinischen Treuhandkonto schlicht ausblieb.
Die Autoren stellen keine übermäßig komplizierten Finanzthesen auf. Ein Rezensent schreibt, er habe das Buch in einem Zug durchgelesen und sofort mehrere Exemplare nachbestellt. Das beschreibt die Lesbarkeit gut: Es ist Wirtschaftsjournalismus, der sich wie ein Thriller liest, ohne dabei die Substanz zu opfern.
Wo Prüfer und Aufseher versagten
Ein Kapitel, das mich besonders beschäftigt hat, dreht sich um die institutionellen Versager: die Wirtschaftsprüfer von EY, die BaFin, die politischen Fürsprecher aus dem Bundesfinanzministerium. Bergermann und ter Haseborg machen keine Anklagen, die sie nicht belegen können. Sie stellen dar, was zu welchem Zeitpunkt bekannt war, und überlassen die Schlussfolgerung dem Zuhörer. Das ist guter Journalismus: kein Schreien, aber klares Zeigen. Ein Rezensent fasst es treffend zusammen: « Excellentes Buch. Und das will keiner der Wirtschaftsprüfer sowie die BaFin nicht erkannt haben? »
Jan Marsalek, der bis heute flüchtige Ex-Vorstand, bleibt im Buch die faszinierendste Figur. Ein Mann mit schillerndem Doppelleben, Geheimdienst-Kontakten, und der Fähigkeit, in höchsten Kreisen zu verkehren, während er ein Firmengeflecht aufgebaut haben soll, das möglicherweise nie existierte. Das klingt nach einem Spionageroman. Es ist Wirklichkeit.
Stefan Lehnen als sachlicher Wegweiser
Stefan Lehnen liest dieses Hörbuch mit einer Stimme, die gut zu dem Stoff passt: klar, ohne dramatische Übertreibung, aber auch ohne die monotone Gleichförmigkeit mancher Nachrichtensprecher. Er behandelt das Material mit dem Respekt, den ein gutes Sachbuch verdient. Bei den wenigen ironischen Stellen, die die Autoren sich erlauben, klingt er dezent amüsiert. Bei den ernsteren Passagen, den geschilderten Systemversagen und dem Verhalten der Aufseher, wird der Ton entsprechend ruhiger. 7 Stunden und 45 Minuten vergehen schnell.
Dass das Hörbuch in der sechsten Auflage des Buches basiert, deutet darauf hin, dass es aktualisiert wurde. Einzelne Rezensionen beziehen sich explizit auf diese Auflage, was für Vollständigkeit spricht.
Pflichtlektüre mit einem deutschen Problem
« Die Wirecard-Story » ist keine abstrakte Lektion in Bilanzfälschung. Sie ist eine konkrete Antwort auf die Frage, wie es möglich ist, dass in einem der reguliertesten Wirtschaftsräume der Welt ein Unternehmen mit Fantasiemilliarden im DAX gelistet wurde, während kritische Journalisten zeitweise als Marktmanipulatoren behandelt wurden. Diese Frage geht über Wirecard hinaus. Wer sie sich nicht stellt, lernt nichts daraus. Das Buch hilft, sie zu stellen.
Wer sich mit Wirtschafts- und Finanzskandalgeschichte auskennt, wird das Hörbuch als einen der solidesten deutschsprachigen Investigativberichte der letzten Jahre einordnen. Wer neu in das Thema einsteigt, bekommt einen Einstieg, der nicht voraussetzt, dass man Bilanzen lesen kann.