Auf einen Blick
- Sprecher: Kein Sprecher angegeben — Wladimir Kaminer liest vermutlich selbst, was seinem plaudernden Stil vollkommen entspricht.
- Themen: Reisehumor, interkulturelle Begegnungen, das absurde Bordleben auf Kreuzfahrtschiffen
- Stimmung: Leicht, heiter und mit einem Augenzwinkern erzählt
- Fazit: Wer Kaminers Ton kennt und liebt, wird gut unterhalten — wer tiefgründige Reiseliteratur erwartet, wird enttäuscht sein.
Ich habe « Die Kreuzfahrer » an einem langen Sonntagabend gehört, die Kopfhörer auf, Tee in der Hand, und irgendwo draußen regnete es. Gute Bedingungen für Kaminer. Er braucht kein Bühnenbild, keine dramatische Musik, keine cineastischen Soundeffekte. Er braucht nur eine Zuhörerin, die bereit ist, sich in seine merkwürdige Welt treiben zu lassen. Und die Welt, die er diesmal beschreibt, ist eine schwimmende.
Wladimir Kaminer gehört zu den wenigen deutschen Gegenwartsautoren, bei denen ich sofort weiß, was ich bekomme, sobald ich den Play-Button drücke: feinsinnige Beobachtungen, milde Ironie, und dieses unverwechselbare Gefühl, dass die Welt ein bisschen komischer ist, als sie vorgibt zu sein. « Die Kreuzfahrer » ist kein Hochsee-Abenteuer und kein kritisches Essay über die Kreuzfahrtindustrie. Es ist ein Schmunzelbuch. Ein Hörbuch für zweieinhalb Stunden, die man sich gut merkt.
Kaminer als Ethnologe der Sonnendeckliegestuhl-Zivilisation
Was Kaminer auf Kreuzfahrten entdeckt, ist eigentlich das, was er überall entdeckt: dass Menschen sich in bestimmten Situationen auf vorhersehbare und dabei doch immer wieder verblüffende Weise verhalten. Russen, Amerikaner, Schwaben, Sachsen — alle auf einem Schiff, alle auf der Suche nach einem lückenlosen Glück, das das Bordleben verspricht. Pool, Bar, Buffet, Tanzabend, Landausflug, wieder Buffet. Kaminer beobachtet das mit der Geduld eines Anthropologen, der seinen Forschungsgegenstand offensichtlich gernhat.
Eine der Leserinnen auf Amazon, Jennifer, schreibt, dass Kaminers « feinsinnige Beobachtungsgabe und Ironie unübertroffen » seien. Da stimme ich zu. Was ich ergänzen würde: Es ist eine Ironie ohne Zähne. Kaminer lacht nie über seine Figuren, er lacht mit ihnen, manchmal auch über sich selbst. Das macht den Unterschied zu bloßem Satirestück.
Was das Hörbuch kann — und was nicht
Ein ehrlicher Hinweis vorab: Die Produktbeschreibung nennt keinen Sprecher. Es ist naheliegend, dass Kaminer selbst liest, wie er es bei vielen seiner Hörbücher tut. Sein leicht russisch gefärbtes Deutsch, sein ruhiges, fast beiläufiges Erzähltempo passen perfekt zu diesen Texten. Es wäre eine Verfehlung, jemand anderen diese Texte sprechen zu lassen. Wer seine Stimme bereits aus früheren Hörbüchern kennt, weiß, was gemeint ist.
Gleichzeitig muss ich sagen, was ein kritischer Rezensent auf Amazon schon angemerkt hat: Die Reisen auf die Queen of the Seas und die AIDA erfolgten auf Einladung, also quasi kostenlos. Das merkt man dem Buch stellenweise an. Es gibt Passagen, die wie eine etwas zu wohlwollende Reportage wirken, wo man sich eine schärfere Linse gewünscht hätte. Wer Kaminer als gesellschaftskritischen Schriftsteller erwartet, wird diese Momente bemerken. Wer ihn als heiteren Plauderer schätzt, stört sich nicht daran.
Leichte Kost mit echtem Charme
Zweieinhalb Stunden sind eine angenehme Länge. Das ist kein Mammutwerk, keine Serienfortsetzung, keine Geschichte, die man sich in drei Sitzungen erarbeiten muss. Es ist ein Hörbuch, das man in einer Zugfahrt oder an einem ruhigen Abend hören kann, und danach fühlt man sich etwas leichter. Nicht erleuchtet. Nicht erschüttert. Leichter.
Claudia Pelland schreibt in ihrer Rezension, es sei « empfehlenswert » als Urlaubslektüre, aber das ständige Ansprechen von Alkohol habe sie gestört. Das ist ein fairer Einwand. Das Bordleben läuft bei Kaminer tatsächlich zu einem beachtlichen Teil am Getränkestand entlang. Wer das als Stilmittel oder als soziologischen Befund liest, kommt damit zurecht. Wer es als Füllstoff wahrnimmt, wird diese Stellen als wiederholend empfinden.
Für mich persönlich war « Die Kreuzfahrer » genau das, was es sein wollte: ein freundliches, witziges, gut gelauntes Hörbuch über Menschen auf See. Kaminer ist in seinem Element, wenn er Fremdes beobachtet und dabei feststellt, wie vertraut es eigentlich ist. Das gelingt ihm hier, auch wenn nicht jede Seite gleich stark ist.
Für wen dieses Hörbuch gedacht ist
Wer Wladimir Kaminer bereits kennt und mag, wird hier nicht enttäuscht. Wer ihn noch nicht kennt, findet hier einen unkomplizierten Einstieg, auch wenn Werke wie « Russendisko » oder « Meine kaukasische Schwiegermutter » tiefere Einblicke in sein Schaffen bieten. Wer tiefgründige Reisereportagen im Stil von Paul Theroux oder Ryszard Kapuscinski sucht, ist hier falsch. Das ist keine Schwäche des Buches, nur ein Hinweis auf die richtige Erwartungshaltung.