Auf einen Blick
- Sprecher: Norman Ohler liest sein eigenes Werk mit der Präzision eines Akademikers und dem Tempo eines investigativen Journalisten, dabei durchgehend klar und fokussiert.
- Themen: Drogenkonsum im Dritten Reich, Methamphetamin und Blitzkrieg, Hitlers pharmakologische Abhängigkeit
- Stimmung: Sachlich und beklemmend, an manchen Stellen erschreckend nüchtern
- Fazit: Eines der faktenreichsten und provokativsten deutschen Sachbücher zur NS-Geschichte der letzten Jahre, das trotz einiger stilistischer Schwächen unter die Haut geht.
Ich habe « Der totale Rausch » an einem Mittwochabend begonnen und bin dabei geblieben, weil ich nicht aufhören konnte. Das passiert mir bei Sachbüchern selten. Norman Ohler schreibt und liest hier über ein Thema, das in der Literatur zum Dritten Reich lange als Randnotiz behandelt wurde und das bei näherer Betrachtung das gesamte Narrativ vom kontrollierten, ideologisch reinen NS-Staat erschüttert.
Der Kern der These ist so provokativ wie gut belegt: Als Deutschland 1940 Frankreich überrannte, geschah das unter dem Einfluss von 35 Millionen Dosen Pervitin, einem Methamphetamin-Präparat, das heute als Crystal Meth bekannt ist. Der Blitzkrieg war nicht nur taktischer Überraschungserfolg, sondern pharmakologisch ermöglicht. Soldaten, die tagelang ohne Schlaf marschieren und kämpfen konnten, weil ein Pillenspender in ihrer Feldpost steckte. Ohler hat dafür Archive durchforstet, darunter die Aufzeichnungen von Hitlers Leibarzt Theo Morell, und er präsentiert seine Befunde mit einer Akribie, die einschüchtert.
Hitler unter Eukodal: Das pharmakologische Protokoll des Untergangs
Das stärkste Kapitel des Buches ist die Analyse von Hitlers persönlichem Drogenkonsum. Ohler rekonstruiert auf der Basis von Morells Tagebüchern, welche Substanzen dem Diktator in welchen Dosen verabreicht wurden. Eukodal, ein Opiat stärker als Heroin, wurde zur Dauermedikation. Im Winter 1944, als Hitler seine letzte Offensive befahl, war er nach Ohlers Rekonstruktion längst abhängig und in einem Zustand pharmakologischer Erschöpfung, der sein Urteil fundamental beeinträchtigte.
Das ist kein entlastendes Argument. Ohler macht das explizit. Aber es fügt dem Bild des Diktators eine Dimension hinzu, die über die reine Ideologieanalyse hinausgeht und die Frage stellt: Wie viel von dem, was als politische Überzeugung galt, war zuletzt chemisch erzwungene Wachheit? Rezensent Andreas Baumgartner hat das als « erschütternd wichtige Literatur » bezeichnet, und diesem Urteil schließe ich mich an, auch wenn ich eine Einschränkung hinzufüge.
Forschungsleistung und ihre stilistischen Risse
Ohler ist ein ausgezeichneter Rechercheur. Als Prosaist ist er ungleichmäßig. Mehrere Rezensenten haben darauf hingewiesen, dass das Buch « teilweise sehr schlecht geschrieben » sei, und während das eine Übertreibung ist, liegt darin ein Kern Wahrheit. Bestimmte Passagen wirken wie komprimierte Archivnotizen, die noch nicht vollständig in Erzählung verwandelt wurden. Ohler springt gelegentlich zwischen der makrohistorischen Perspektive und medizinischen Details in einem Tempo, das den Lesefluss unterbricht.
Als Selbstsprecher liest Ohler diese Stellen mit der gleichen Geschwindigkeit wie die stärksten Passagen, und das hilft nicht immer. Seine Stimme ist klar und kompetent, aber es fehlt die Rhythmisierung eines erfahrenen Hörbuchsprechers, der weiß, wann ein Moment eine Pause braucht. Insgesamt überwiegt der Gewinn: Man hört einen Autor, der vollständig in seinem Material zu Hause ist, und das trägt.
Ein Buch, das auch im Audioformat Quellenarbeit sichtbar macht
Audible stellt eine PDF-Datei mit Zusatzmaterial bereit, und das ist bei diesem Titel mehr als eine formale Geste. Ohler arbeitet mit konkreten Datierungen, Dosierungsprotokollen und Originalquellen, die als gedruckte Referenz erheblich mehr nützen als als gesprochene Fußnote. Ich empfehle, das PDF parallel zu öffnen, wenn man den Abschnitten über Morells Aufzeichnungen folgt.
Niklas Morgan hat in seiner Rezension aus dem Jahr 2016 angemerkt, dass nicht alles, was Ohler entdeckt habe, neu sei, und das stimmt. Der Einsatz von Pervitin in der Wehrmacht war Historikern bekannt. Was Ohler neu zusammenfügt, ist das Ausmaß, die Systematik und die Verbindung zur Entscheidungsebene, bis hinein in Hitlers eigenen Körper. Das ist der Beitrag, der bleibt.
Wer sollte dieses Hörbuch hören, wer lieber nicht
Für Hörer, die NS-Geschichte über klassische Politikanalyse hinaus verstehen wollen, ist dieses Hörbuch nahezu unumgehbar. Wer stilistisch makellose Prosa erwartet, wird an einzelnen Stellen Abstriche machen müssen. Wer kein Interesse an medizinhistorischen Details hat, sollte wissen, dass diese einen erheblichen Teil des Materials ausmachen. Für alle anderen: ein wichtiges, gut recherchiertes Buch, das man nach dem Hören schwer wieder loswird.