Auf einen Blick
- Sprecher: Samy Andersen findet den richtigen Ton für schwieriges historisches Material: sachlich, ohne Distanz zu verlieren, und ohne in sensationalistische Dramatik zu verfallen.
- Themen: NS-Biographie, Psychologie des Täters, Holocaust-Geschichte am Beispiel des Lagers Plaszów
- Stimmung: Beklemmend und erschütternd, ein Hörbuch, das Pausen braucht
- Fazit: Eine wichtige, sorgfältig recherchierte Biographie über Amon Göth, die man hören sollte, wenn man bereit ist, sich dieser Geschichte zu stellen.
Es gibt Hörbücher, bei denen man während des Hörens aufhören muss. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil sie zu viel verlangen. Der Henker von Johannes Sachslehner gehört in diese Kategorie. Ich habe die zehn Stunden auf mehrere Tage verteilt, immer mit Abstand zwischen den Sitzungen, und jedes Mal musste ich ein bisschen Zeit brauchen, bevor ich weitermachen konnte.
Das ist kein Einwand. Es ist das Zeichen eines Buches, das seine Arbeit tut.
Wer war Amon Göth?
Für viele ist der Name Amon Göth untrennbar mit Steven Spielbergs Schindlers Liste verbunden, in dem Ralph Fiennes ihn mit einer Präzision spielt, die bis heute nachwirkt. Sachslehner geht in seinem Buch hinter dieses filmische Bild zurück und fragt, wie aus einem österreichischen Bürger dieser Mann wurde. Hochgewachsen, elegant, literaturinteressiert, und gleichzeitig Kommandant eines Zwangsarbeitslagers, in dem er Tausende Menschen nach Belieben erschoss.
Diese Frage nach der Alltäglichkeit des Bösen ist nicht neu. Hannah Arendts Arbeiten stehen im Hintergrund dieses Unterfangens, auch wenn Sachslehner sie nicht explizit zitiert. Was er tut, ist rekonstruieren: die Kindheit, die Karriere, die 500 Tage in Plaszów. Die Chronologie ist klar, die Sprache nüchtern, und das macht es schwerer zu lesen, nicht leichter.
Sachslehners Methode: nüchterne Präzision statt Emotionalisierung
Ein Rezensent lobt ausdrücklich, dass der Autor nicht emotionalisiert, sondern relativ neutral berichtet. Ich teile diese Einschätzung, mit einem kleinen Vorbehalt: Diese Neutralität ist eine Entscheidung, keine Selbstverständlichkeit. Wenn man über einen Mann schreibt, der Gefangene aus Spaß erschoss, ist Neutralität eine Form von Mut. Man hätte es auch anklagend, aufgewühlt, pathetisch schreiben können. Sachslehner tut das nicht, und das verleiht dem Buch eine eigentümliche Kälte, die letztlich wirkungsvoller ist.
Was der Autor auch tut: Er stellt die Frage, warum Göth in österreichischen Geschichtsbüchern bis heute kaum vorkommt. Das ist eine politische Anmerkung, keine polemische, und sie ist berechtigt.
Samy Andersen und die Last des Materials
Samy Andersen übernimmt hier eine undankbare Aufgabe. Wer ein Sachbuch über einen NS-Massenmörder liest, muss eine Tonlage finden, die zwischen Gleichgültigkeit und Hysterie vermittelt. Andersen schafft das. Seine Stimme ist ruhig ohne distanziert zu sein, seine Betonung folgt dem Textrhythmus ohne aufzutrumpfen. Bei Passagen, die grausame Details enthalten, ändert er den Rhythmus nicht und gibt dem Hörer damit die Freiheit, selbst zu reagieren, anstatt die Reaktion vorgeschrieben zu bekommen.
Das ist professionelles Handwerk auf einem Niveau, das man nicht als selbstverständlich nehmen sollte.
Für wen ist dieses Hörbuch, und wer sollte sich vorbereiten
Der Henker ist kein Unterhaltungsangebot. Wer nach einem fesselnden historischen Roman sucht, der ist hier falsch. Sachslehner hat eine Biographie geschrieben, die sachlich und detailliert ist und sich nicht um emotionale Zugänglichkeit bemüht. Das ist ihre Stärke und ihr Anspruch.
Wer bereit ist, sich ernsthaft mit dem Leben und dem Wirken von Amon Göth auseinanderzusetzen, findet hier eine gut strukturierte, gut recherchierte Grundlage. Wer Schindlers Liste gesehen hat und verstehen möchte, was hinter der Filmfigur steckt, wird hier wichtige Hintergründe finden. Wer traumasensibel ist oder konkrete Schilderungen von Gewalt nicht verträgt, sollte vor dem Hören wissen, was sie erwartet: Das Buch enthält beides, und es geht dabei nicht zimperlich vor.