Auf einen Blick
- Sprecher: Torsten Michaelis bewaeltigt das grosse Figurenensemble mit Praezision und gibt der philosophischen Schwere des Stoffes die noetige Wuerde, ohne langweilig zu werden.
- Themen: Macht und Missbrauch, postmortale Utopie und ihre Grenzen, der Preis von Unsterblichkeit
- Stimmung: Atemlos und philosophisch zugleich — anspruchsvoll, aber zutiefst befriedigend
- Fazit: Ein wuerdiges Trilogie-Finale fuer einen der kluegstenYA-Science-Fiction-Zyklen der letzten Jahre — nur zusammen mit Band 1 und 2 hoeren.
Neal Shustermans Scythe-Trilogie hat mich vor etwa zwei Jahren erwischt, und seitdem empfehle ich sie an jeden, der behauptet, Science Fiction sei entweder zu abstrakt oder zu unreflektiert. « Das Vermaechtnis der Aeltesten » ist der dritte und letzte Band, und ich hatte ihn bewusst aufgespart — der Abschluss einer Trilogie, die so gut war, sollte nicht hastig konsumiert werden. Also hoerte ich ihn an einem langen Wochenende, 18 Stunden und 9 Minuten, fast am Stueck. Es hat sich gelohnt.
Wer noch nicht weiss, worum es geht: In einer fernen Zukunft haben die Menschen den Tod besiegt, den Hunger ueberwunden und alle Krankheiten eliminiert. Das Problem, das daraus entstanden ist, ist so schlicht wie erschreckend: Ueberbevoelkerung. Die Loesung sind die Scythe — Schnitzerinnen und Schnitzer, die per Los oder Wahl auswaehlen, wer sterben muss. Sie stehen ueber jedem Gesetz. Und in Band drei sind die korrupten Scythe der neuen Ordnung dabei, diese Macht vollstaendig zu uebernehmen, waehrend Citra und Rowan auf dem Meeresgrund in einem eisigen Gefaengnis liegen.
Shustermans Wette auf Mehrstimmigkeit
Was « Das Vermaechtnis der Aeltesten » von vielen Serienabschluessen unterscheidet, ist die Entscheidung, das Blickwinkel-Ensemble zu vergroessern statt zu verkleinern. Wir begleiten nicht nur Citra und Rowan, sondern auch eine Reihe neuer Charaktere, deren Erzaehlfaeden sich erst spaet im Buch zusammenfuehren. Das ist ein Risiko. Nicht jede Leserin will vor dem Finale laengere Passagen mit Neucharakteren verbringen. Aber Shusterman vertraut darauf, und er hat recht: Die Plots laufen so konsequent aufeinander zu, dass das finale Zusammentreffen eine Wirkung hat, die ein enger gefuehrtes Buch nicht erreicht haette.
Eine Rezensentin schrieb, der Autor schreibe so kreativ, dass seine Geschichten so wundervoll unvorhersehbar seien. Das ist nicht uebertrieben. Shusterman denkt konsequent von den Pramissen her, nicht von den Plotkonventionen. Was in einer Welt ohne Tod, ohne Hunger und ohne Krankheit tatsaechlich moralisch problematisch waere, ist nicht das, was man beim ersten Nachdenken erwartet — und genau das macht die Trilogie so fesselnd.
Torsten Michaelis und die Last des Ensembles
Torsten Michaelis ist ein Sprecher mit Format. Er liest Shustermans weit verzweigtes Figurenensemble mit einer Klarheit, die wesentlich dazu beitraegt, dass die vielen Perspektivwechsel nicht verwirren. Jede Figur hat bei ihm eine eigene Klangfarbe — nicht so stark ausgepraegt wie bei einem Mehrsprecherhoerbuch, aber ausgepraegt genug, um ohne Rueckblaettern zu merken, wessen Innenperspektive gerade beschrieben wird.
Besonders gut gelingt ihm Scythe Goddard, der zentrale Antagonist. Goddard ist nicht bose auf die einfache Art. Er glaubt aufrichtig an das, was er tut. Michaelis gibt ihm eine Ueberzeugungskraft, die unheimlich ist, weil man versteht, wie jemand ihm folgen koennte. Das ist schwieriger zu spielen als reine Bedrohlichkeit, und Michaelis trifft es.
Philosophie ohne erhobenen Zeigefinger
Eine der grossen Staerken der Scythe-Trilogie ist, dass sie philosophisch dicht ist, ohne belehrend zu werden. Die Fragen, die Shusterman stellt — Was ist der Wert des Todes fuer das Leben? Wie korrumpiert absolute Macht, auch wohlmeinende? Was schulden wir einer Gesellschaft, die uns alles gegeben hat? — werden nie beantwortet. Sie werden durchgespielt. Die Figuren kommen zu unterschiedlichen Schluessen, und das Buch laesst diese Schluesse stehen.
Eine Rezensentin schrieb, die Geschichte sei voller Philosophie ohne erhobenen Zeigefinger, voller Menschlichkeit und gebe Hoffnung. Ich wuerde ergaenzen: Es ist auch voller echter Trauer. Nicht alle Figuren ueberleben. Manche Opfer sind notwendig, manche sind zutiefst ungerecht, und Shusterman unterscheidet zwischen beiden — aber mit einem Mitgefuehl, das keinen der Verluste kleinmacht.
Serienhinweis und Einstiegsfrage
« Das Vermaechtnis der Aeltesten » ist Band 3 der Scythe-Trilogie. Wer hier anfaengt, versteht zwar die Pramisse, aber nicht die Charakterentwicklung und nicht das emotionale Gewicht der Entscheidungen, die in diesem Band gefaellt werden. Unbedingt mit Band 1 beginnen — « Scythe: Der Todesbote » — dann Band 2 (« Thunderhead »). Alle drei Baende sind jeweils gut 17 bis 18 Stunden lang. Ein grosses Hoerprojekt, das die Investition mehrfach zurueckzahlt.