Auf einen Blick
- Sprecher: Mark Bremer hält das sachliche Tempo der Wissenschaftler-Dialoge gut, bleibt aber etwas blass bei den wenigen emotionalen Momenten des Romans.
- Themen: Archäologie des Weltalls und der Menschheitsgeschichte, wissenschaftliches Denken als Ermittlungsmethode, Frage nach dem Ursprung der Zivilisation
- Stimmung: Kühl-intellektuell, rätselhaft, mit einem langen Aha-Effekt am Ende
- Fazit: Wer klassische Ideen-SF schätzt und bereit ist, das Alter des Romans als Teil des Leseerlebnisses zu akzeptieren, wird gut unterhalten — alle anderen sollten die Erwartungen justieren.
Ich war auf dem Weg zur Arbeit, irgendwo zwischen dem zweiten Kaffee und der dritten Ampel, als Mark Bremer mir ruhig erklärte, dass die Leiche in der Mondhhöhle fünfzigtausend Jahre alt ist. Ich habe das Auto fast angehalten. Nicht weil der Satz besonders dramatisch vorgetragen wurde, sondern weil die Idee dahinter so kompromisslos groß ist, dass sie einen Moment braucht, um sich zu setzen.
« Das Erbe der Sterne » von James P. Hogan ist 1977 erschienen, und das merkt man. Nicht als Kritik, sondern als Tatsache. Hogan gehört zu jener Generation von SF-Autoren, für die die Idee das Zentrum des Romans ist und alles andere — Figuren, Dialoge, gesellschaftliche Komplexität — in den Dienst dieser Idee gestellt wird. Das funktioniert hier erstaunlich gut, erzeugt aber auch eine spezifische Kälte, die man mögen muss.
Das Rätsel, das alles trägt
Ein Toter im Raumanzug auf dem Mond. Fünfzigtausend Jahre alt. Keine bekannte menschliche Zivilisation aus dieser Zeit, die Raumfahrt hätte betreiben können. Das ist der Ausgangspunkt, und Hogan zieht ihn mit einer Logik durch, die mich ehrlich fasziniert hat. Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen versammeln sich, stellen Hypothesen auf, verwerfen sie, verfeinern sie. Das klingt trocken, ist es aber nicht, weil Hogan eine echte Freude am wissenschaftlichen Denken vermittelt. Man folgt einem kollektiven Ermittlungsprozess, der nicht durch Intuition oder Zufälle vorankommt, sondern durch systematisches Schlussfolgern.
Rezensentin müllerslieschen schreibt, der Autor habe so viele Brotkrumen verstreut, dass viele Leser die Lösung vorher erahnen könnten. Ich sehe das nicht als Schwäche. Wenn die Hinweise sorgfältig gelegt sind und die Schlussfolgerungen zwingend wirken, ist das kein Konstruktionsfehler, sondern Handwerk. Das Vergnügen liegt dann nicht im Überraschungsmoment, sondern in der Befriedigung des richtigen Schlussfolgerns.
Die Figuren als Instrumente der Handlung
Was hier auf der Strecke bleibt, und das muss ich ehrlich benennen, sind die Charaktere. Hogan interessiert sich nicht besonders für seine Figuren als Menschen. Sie haben Berufe, Meinungen und gelegentlich Gefühle, aber keine tiefe innere Welt. Rezensent AxelJung bringt das treffend auf den Punkt: Die Charaktere dienen der Idee, nicht umgekehrt. Das ist eine stilistische Entscheidung, die man aus der Tradition der Hard SF der 1960er und 1970er kennt — Isaac Asimov hat ähnliche Entscheidungen getroffen, und auch bei Hogan funktioniert es innerhalb der Grenzen des Genres.
Komplizierter wird es bei der Geschlechterpolitik des Romans. Rezensentin Saphira beschreibt präzise, was viele moderne Leserinnen irritieren wird: Die erste weibliche Figur, die auftaucht, wird hauptsächlich über ihre körperliche Erscheinung eingeführt, während die männlichen Figuren reine Verstandestypen sind. Das ist keine Überinterpretation, das ist der Text. Wer diesen Kontext des Entstehungsjahrzehnts nicht mitdenkt, wird sich an einzelnen Stellen stoßen.
Mark Bremer und das Tempo der Wissenschaft
Mark Bremer spricht diesen Roman mit einer sachlichen Klarheit, die dem Material entspricht. Seine Stärke liegt in den Diskussionsszenen, in denen Wissenschaftler Hypothesen hin und her werfen — er hält das Tempo, macht Argumente nachvollziehbar und schafft zwischen den Figuren zumindest stimmlich genug Unterschied, um der Handlung zu folgen. Weniger überzeugend ist er in den seltenen emotionalen Momenten des Romans, aber das liegt auch daran, dass Hogan diese Momente selbst nicht sonderlich entwickelt hat. Bremer spiegelt das Material, er überhöht es nicht.
Die Laufzeit von neun Stunden und fünf Minuten ist für einen SF-Roman dieser Kategorie angemessen. Der Roman ist der erste Band der Riesen-Trilogie, lässt sich aber als eigenständiges Werk lesen, da das zentrale Rätsel innerhalb dieses Bandes aufgelöst wird.
Für wen dieses Hörbuch ist — und für wen nicht
Wer Hard SF schätzt und kein Problem damit hat, dass eine Idee mehr Raum einnimmt als die Figuren, wird hier gut unterhalten. Wer SF-Romane vor allem wegen vielschichtiger Charaktere hört, wird enttäuscht sein. Das Buch ist ein Zeitdokument der Gattung, und das mit einigem Stolz — aber dieser Stolz schließt auch die Schwächen seiner Entstehungszeit ein.