Auf einen Blick
- Sprecher: Christoph Maria Herbst verleiht Lukas, Jim und dem gesamten Lummerland-Ensemble unverkennbare Stimmen – seine Energie und sein Timing machen aus dem Klassiker ein echtes Hörerlebnis für Groß und Klein.
- Themen: Freundschaft und Loyalität, Abenteuer in fremden Welten, Mut und Zusammengehörigkeit
- Stimmung: Warmherzig und fantasievoll, mit einem Funken echten Staunens
- Fazit: Eine der gelungensten deutschen Kinderhörbuch-Einspielungen überhaupt – Herbst trifft Michael Endes Ton so genau, dass man das Buch zum ersten Mal zu hören glaubt, selbst wenn man es auswendig kennt.
Es war ein Sonntagmorgen, meine Nichte saß neben mir auf der Couch, und ich hatte eigentlich geplant, ihr etwas Kurzes vorzuspielen und dann weiterzuarbeiten. Sieben Stunden und vierzehn Minuten später hatten wir Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer in einem Zug durchgehört und ich hatte das Arbeiten komplett vergessen. Das sagt eigentlich alles über dieses Hörbuch.
Michael Endes Geschichte um den kleinen Jim, den rätselhaften Säugling, der eines Tages per Post auf der Insel Lummerland ankommt, gehört zum Fundament der deutschsprachigen Kinderliteratur. Wer in Deutschland aufgewachsen ist, kennt die Geschichte oft schon aus der Grundschule, aus Verfilmungen, aus Elternvorlesungen. Die Frage ist also nicht: Ist das eine gute Geschichte? Die Frage ist: Was macht Christoph Maria Herbst daraus?
Herbst als Ein-Mann-Orchester
Die kurze Antwort: Er macht sehr viel daraus. Herbst – bekannt vor allem als Stimme und Gesicht von Bernd das Brot sowie aus zahllosen Kino- und Fernsehproduktionen – ist ein Sprecher, der nie neutral ist. Er hat eine Haltung zu jedem Satz, den er liest, eine Interpretation, die man hört, auch wenn sie sich nie aufdrängt.
Lukas der Lokomotivführer klingt bei Herbst genau so, wie er klingen muss: zuverlässig, ein bisschen brummig, aber mit einem warmen Kern. Jim ist neugieriger, offener, schneller in seinen Reaktionen – und man hört diesen Unterschied in jedem Dialog, ohne dass Herbst dabei in Stimmakrobatik verfällt. Die Figuren aus Mandala, dem an China angelehnten Kaiserreich, bekommen eine angedeutete Exotik, die bei einem weniger geübten Sprecher schnell ins Klischeehafte kippen würde – Herbst dosiert das mit Bedacht.
Besonders stark ist er in den Actionmomenten, wenn Jim und Lukas mit Emma, ihrer geliebten Lokomotive, durch gefährliche Landschaften rasen. Herbsts Tempo, seine Pausen und seine Betonungen schaffen eine Dramaturgie, die beim reinen Lesen so nicht existiert.
Was Michael Endes Text heute noch kann
Eine Rezensentin hat sehr treffend beschrieben, was sie beim gemeinsamen Hören mit ihrer sechsjährigen Tochter beobachtet hat: Das Buch enthält alles, was das Kinderherz begehrt – Freundschaft, Abenteuer, phantastische Wesen und ferne, geheimnisvolle Länder. Das stimmt, und es stimmt noch heute, mehr als sechzig Jahre nach der Erstveröffentlichung.
Gleichzeitig ist es fair, auf das hinzuweisen, was einige Rezensenten angemerkt haben: Die Sprache ist an einigen Stellen nicht mehr zeitgemäß, und die Darstellung asiatischer Kulturen trägt Züge, die man heute anders gestalten würde. Das ist kein Grund, das Buch nicht zu hören – aber ein guter Anlass für ein Gespräch mit jüngeren Hörerinnen und Hörern darüber, warum Bücher Kinder ihrer Zeit sind.
Was bleibt, ist ein Text von hoher sprachlicher Qualität, der Kinder ernstnimmt und ihnen zutraut, komplexe Ideen zu verarbeiten. Ende hat Lummerland nicht als süße Miniaturwelt erfunden, sondern als eine, die zu klein ist für alle – eine Metapher, die auch Erwachsene nicht ganz unbeschädigt überstehen.
Sieben Stunden, die sich wie drei anfühlen
Sieben Stunden und vierzehn Minuten ist für ein Kinderhörbuch keine kurze Laufzeit. Aber Herbsts Interpretation und Endes Erzähltempo sorgen gemeinsam dafür, dass man nie das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. Die Abenteuer in Mandala, die Begegnung mit Frau Mahlzahn und die finale Reise haben eine innere Logik, die auch nach Jahrzehnten noch trägt.
Ich habe in meiner Arbeit viele Klassiker als Hörbuch erlebt, die durch eine uninspirierte Einlesung kleiner wurden. Das hier ist das Gegenteil: Herbst gibt der Geschichte etwas zurück, was man beim stillen Lesen manchmal verpasst – den Rhythmus, den Ende ihr mitgegeben hat.
Für wen dieses Hörbuch gemacht ist
Für Kinder ab etwa fünf Jahren als gemeinsames Hörerlebnis mit Erwachsenen – und für Erwachsene, die Lummerland früher kannten und jetzt zurückkehren wollen. Wer die Geschichte nicht kennt, bekommt einen der schönsten Einstiege in die deutschsprachige Fantasieliteratur. Wer sie kennt, bekommt Christoph Maria Herbst – und das ist Grund genug.