Auf einen Blick
- Sprecher: Sebastian Fitzner trifft Dacres verletzliche Jugendlichkeit ohne sentimentalen Überschuss, was die schwierigen Szenen deutlich stärker macht.
- Themen: Verbotene Gefühle, Selbstakzeptanz, Trauma und erste Liebe
- Stimmung: Sommerlich-leicht zu Beginn, zunehmend eindringlich und emotional dicht
- Fazit: Ein New-Adult-MM-Roman, der mehr hält, als sein Sommermärchen-Cover verspricht, aber die Triggerwarnungen sollte man ernst nehmen.
Ich mache es mir manchmal selbst schwerer als nötig. Ich hatte « I Kissed a Boy: Dacre » schon einige Wochen auf meiner Liste, aber irgendwie schob ich es immer wieder hinten. Zu viel Titel-Verspieltheit, dachte ich, zu viel Sommerromanze-Energie für einen Moment, in dem ich gerade andere Bücher im Kopf hatte. Dann hörte ich die ersten zwanzig Minuten auf dem Weg zum Supermarkt, und ich stand nachher noch zehn Minuten auf dem Parkplatz, weil ich nicht rauswollte.
« I Kissed a Boy: Dacre » ist der erste Band der Tannstein-Reihe von Lisa F. Olsen und erzählt aus der Sicht von Dacre, einem Gaming-Nerd, der seine letzten Schulferien eigentlich mit möglichst wenig sozialer Interaktion verbringen wollte. Stattdessen trifft er auf eine neue Freundesgruppe, laue Sommernächte am See, und seinen Stiefbruder Cap, der ihn von Anfang an feindselig behandelt. Was sich daraus entwickelt, ist eine Geschichte über verbotene Anziehung, aber auch über Trauma, Verlust und die Frage, was echte Nähe von kurzem Rausch unterscheidet.
Warum die Triggerwarnungen hier keine Formalität sind
Die Triggerwarnungen im Klappentext dieses Buchs sind ernst gemeint, und ich nenne sie deshalb konkret: Mobbing, Diskriminierung, Verlust eines Elternteils, Drogen- und Alkoholmissbrauch, sexueller Missbrauch. Wer solche Inhalte meiden muss oder möchte, sollte das wissen, bevor er anfängt. Was mich dabei respektiert hat: Olsen behandelt diese Themen nicht als Kulisse für Drama, sondern als Teil von Dacres Geschichte, die ihn geformt hat und die ihn immer noch beeinflusst. Das ist nicht immer leicht zu hören, aber es ist ehrlich.
Sebastian Fitzner navigiert diese Passagen klug. Er übertreibt nicht, er unterschlägt nicht. Dacres Stimme bleibt auch in den schwierigsten Momenten erkennbar die eines Teenagers, der noch nicht gelernt hat, was mit ihm passiert ist, vollständig zu benennen. Das ist eine schwierige Gratwanderung für einen Sprecher, und Fitzner gelingt sie überwiegend sehr gut.
Cap als Rätsel, das sich langsam löst
Die Stiefbruder-Konstellation ist im Genre keine Seltenheit, und ja, die Grundkonstellation bewegt sich in bekannten Gewässern. Aber Olsen gibt Cap eine eigene Geschichte, die nach und nach sichtbar wird, und die erklärt, warum er so ist, wie er ist, ohne ihn damit zu entschuldigen. Diese Entwicklung ist das stärkste Element des Buchs: Cap beginnt als Hindernis und endet als Figur, die man versteht. Der Weg dorthin hat ein paar kleinere Längen, aber die bezahlen sich am Ende aus.
Die Freundesgruppe, in die Dacre integriert wird, wirkt anfangs tatsächlich etwas abrupt zusammengestellt, wie auch einige Rezensionen anmerken. Man fragt sich, warum diese Menschen ihn so schnell akzeptieren. Aber Olsen macht später klar, dass diese Gruppe selbst eine Geschichte hat, und dann fügt es sich ein.
Für wen diese Geschichte funktioniert
Wer leichte Sommerromantik ohne inhaltliches Gewicht sucht, wird mit diesem Buch falsch liegen. « I Kissed a Boy: Dacre » ist auf dem ersten Drittel zugänglich und heiter, wird dann aber deutlich ernster, und das ist eine Stärke, nicht ein Versagen. Wer MM-Romance mag, die sich traut, ihren Figuren echte Verletzlichkeit zu geben, und wer die genannten Triggerwarnungen nicht ausschließen, wird hier etwas finden, das bleibt. Fitzner macht das Hörbuch zu einem Format, das ich dem Buch in diesem Fall vorziehen würde. Die emotionalen Wendungen sitzen gesprochen stärker.