Auf einen Blick
- Sprecher: Viola Müller liest das Debüt von Silke Franzen mit kühler Leichtigkeit, die gut zum distanzierten Blick der Protagonistin passt.
- Themen: Klassengefälle, junges Erwachsenwerden, Glamour und seine Kosten
- Stimmung: Funkelnd an der Oberfläche, nachdenklich darunter
- Fazit: Ein literarisches Sommerhörbuch für alle, die atmosphärische New-York-Geschichten mit sozialem Unterton mögen, aber keine aufgelöste Handlung erwarten.
Es war ein Donnerstagabend, schon fast zu warm für April, und ich wollte eigentlich früh ins Bett. Dann legte ich Happy Hour ein und war plötzlich in einem schwülen New Yorker Sommer des Jahres 2013, irgendwo zwischen Brooklyn und der Upper East Side. Ich bin nicht früh ins Bett gegangen.
Happy Hour ist das Debüt von Silke Franzen, und das merkt man, auf eine gute Art. Das Buch ist nicht perfekt, es ist aber lebendig auf eine Weise, die viele ausgefeiltere Romane nicht sind. Im Mittelpunkt steht Isa Epley, einundzwanzig Jahre alt, mit ihrer besten Freundin Gala in einer Stadt, die mehr verspricht, als sie erfüllen kann. Tagsüber verkaufen sie Kleidung auf einem Straßenstand, nachts suchen sie Anschluss an eine Welt, zu der sie eigentlich keinen Zugang haben.
New York als Kulisse und Versuchung
Was Franzen in diesem Roman gut macht, ist die Stadt selbst. New York 2013 ist nicht das New York der Postkarten, aber auch nicht das New York der Klischee-Armut. Es ist ein New York, das Isa beobachtet, kommentiert und manchmal missversteht. Der Schreibstil, und damit auch Viola Müllers Vortrag, hat etwas Plauderhaftes, fast Tagebuchartiges. Das macht das Hören angenehm und leicht, auch wenn die Themen, die darunterliegen, alles andere als leicht sind: Klasse, Zugehörigkeit, der Preis, den Frauen für ein bestimmtes Leben zahlen.
Isas Stimme, also die Art, wie sie ihre Umwelt kommentiert, ist der stärkste Teil des Buches. Sie ist witzig und selbstkritisch, ohne je selbstmitleidig zu werden. Wenn sie über die reichen Gäste auf der Upper East Side spricht, hat das eine Schärfe, die sich nicht aufspielt. Das macht die Lektüre interessanter als der Plot allein.
Die Bruchlinien des Debüts
Es wäre unehrlich, die Schwächen zu verschweigen. Die Rezensionen sind gespalten, und das nicht ohne Grund. Einige Leserinnen und Leser fanden die Charaktere zu konturlos, zu sehr Typen statt Personen. Ich teile diese Einschätzung teilweise: Gala bleibt über weite Strecken eine Funktion der Geschichte, weniger eine eigenständige Figur. Auch die Handlung, sofern man sie so nennen will, hat weniger Dramaturgie als Episodenstruktur. Wer auf Wendungen und Auflösungen wartet, wartet vergeblich.
Das ist kein Fehler per se, aber es ist etwas, das man wissen sollte. Happy Hour ist kein Plot-Hörbuch. Es ist ein Atmosphärebuch, ein Stimmungsbuch, eines, das sich auf den Moment einlässt statt auf die Geschichte. Ob man das schätzt, ist eine Frage des Geschmacks.
Viola Müller und die Frage des Tonfalls
Viola Müller liest mit einer Kühle, die ich zunächst als Distanz empfunden habe, dann aber als Kalkül erkannte. Isa beobachtet die Welt mit einem gewissen Abstand, selbst wenn sie mitten darin steckt, und Müllers Vortrag spiegelt das. Die acht Stunden und fünf Minuten Laufzeit fühlen sich dabei seltsam richtig an: nicht gehetzt, nicht gezogen, einfach da.
Was mir aufgefallen ist: Müller lässt Isa nicht sympathischer klingen, als sie ist. Das ist mutig. Manche Figuren kann man mögen und ihnen trotzdem nicht zustimmen, und genau das passiert hier. Dieses Gleichgewicht zu halten ist schwieriger, als es klingt.
Für wen dieses Hörbuch gedacht ist, und für wen nicht
Reinhören: Wer literarische Kurzprosa und Coming-of-Age-Geschichten mit sozialem Subtext schätzt. Wer Lust auf einen atmosphärischen Sommerhörbuchabend hat, ohne dass am Ende alles aufgelöst sein muss. Wer Autoren wie Ottessa Moshfegh oder Mary Gaitskill mag, findet hier etwas Verwandtes.
Lieber passen: Wer klare Handlungsbögen braucht. Wer Figuren möchte, mit denen man sich uneingeschränkt identifizieren kann. Und wer bei 3,9 Sternen Durchschnitt nervös wird, sollte wissen: Die negativen Stimmen sind laut, aber sie reden über andere Erwartungen, nicht über ein schlechtes Buch.