Auf einen Blick
- Sprecher: Jessica von Bredow-Werndl liest selbst — warm, nah und ungeschliffen in der besten Bedeutung des Wortes.
- Themen: Mensch-Tier-Beziehung, Spitzensport und inneres Wachstum, Verletzlichkeit als Stärke
- Stimmung: Ruhig und erdend, mit Momenten echter Bewegtheit
- Fazit: Wer Reitsport liebt oder einfach wissen will, was Olympia-Gold kostet, hört hier einer Ausnahmesportlerin beim Denken zu.
Ich bin keine Reiterin. Ich war noch nie auf einem Pferd, ich kenne den Unterschied zwischen einer Piaffe und einer Passage nur aus dem Fernsehen, und trotzdem habe ich « Das Glück der Erde » an einem langen Sonntag von vorne bis hinten durchgehört. Fünf Stunden, ein Küchentisch, eine Tasse Tee nach der anderen. Das sagt etwas über dieses Buch — oder genauer: über diese Sprecherin.
Jessica von Bredow-Werndl liest ihr eigenes Buch, und das ist hier kein Zufall und kein Zugeständnis. Es ist die einzig richtige Entscheidung. Wer sonst hätte diese Stille zwischen den Sätzen so gesetzt, diesen Moment, in dem sie von einem Pferd spricht, das sie verstanden hat bevor sie wusste, was sie sagen wollte? Eine Fremdsprecherin hätte das Buch gelesen. Bredow-Werndl lebt es vor.
Eine Sportlerin, die nicht von Siegen erzählt
Das Interessante an diesem Memoir ist, was von Bredow-Werndl weglässt. Sie spricht über Niederlagen mit einer Offenheit, die bei Spitzensportlerinnen selten ist, und sie tut es ohne das übliche Redemptionsbogen-Schema: Niederlage, Wendepunkt, Triumph. Die Tiefpunkte ihrer Karriere werden nicht instrumentalisiert, sie werden erzählt. Reviewer Tina Müller hat das treffend als « ungeschönt » beschrieben — auch die Momente, in denen das Umfeld nicht stimmte, in denen sie selbst falsch lag, in denen die Pferde mehr wussten als sie.
Das macht das Hörbuch ungewöhnlich ehrlich. Sie spricht über die Ausbildung auf Gut Aubenhausen, über die Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Benjamin Werndl, über die Vorbereitung auf Olympia 2021 und 2024 — und immer wieder über die Frage, was Vertrauen zwischen Mensch und Tier eigentlich bedeutet. Nicht als philosophisches Konzept, sondern als gelebte Praxis, die man täglich neu verdienen muss.
Was Pferde über Menschen sagen
Der Kern des Buches ist keine Trainingsanleitung und kein Ratgeber, auch wenn einige Abschnitte in diese Richtung tendieren. Es ist eine Meditation über Aufmerksamkeit. Von Bredow-Werndl argumentiert — manchmal explizit, manchmal durch Erzählung — dass Pferde einen Spiegel vorhalten. Sie reagieren auf das, was man ist, nicht auf das, was man zeigt. Für eine Hochleistungssportlerin ist das ein radikaler Gedanke, weil er bedeutet, dass mentale Stärke nicht Kontrolle ist, sondern Offenheit.
Rezensentin Steffi beschrieb, wie das Buch ihr vor einem Turnier zur Ruhe verholfen hat — das klingt nach einem Einzelfall, ist aber symptomatisch. Von Bredow-Werndl schreibt so, dass das, was sie über Pferde sagt, auch auf andere Kontexte passt. Nicht weil sie das forciert, sondern weil die Grundfragen — Vertrauen, Geduld, Präsenz im Moment — universell sind.
Fünf Stunden und ihre Grenzen
Eine Rezension, die fair ist, muss auch sagen, was das Buch nicht schafft. Reviewerin Ariane hat einen echten Einwand: es gibt inhaltliche Wiederholungen, und manche der kleingedruckten Merksätze wirken schulmeisterlich. Das stimmt. Einige Themen werden mehrfach umkreist, ohne dass eine neue Perspektive hinzukommt. Bei fünf Stunden Laufzeit fällt das nicht schwer ins Gewicht — bei einer ausgedehnteren Produktion wäre es ein Problem geworden.
Auch die Struktur ist locker. Das ist kein lineares Memoir mit klarer Chronologie, sondern eher ein Mäandern durch Erinnerungen und Überzeugungen. Wer eine strenge Dramaturgie erwartet, wird sich an manchen Stellen fragen, wohin das Buch gerade läuft. Wer bereit ist, sich von der Stimme führen zu lassen, wird das als Qualität erleben.
Wer dieses Hörbuch braucht — und wer nicht
Für Reiterinnen und Reiter ist das ein klares Ja, keine Frage. Aber auch für alle, die sich für Sportpsychologie, für die Schnittstelle zwischen körperlicher Leistung und innerem Zustand interessieren, ist es eine lohnende Lektüre. Wer ausschließlich taktische Trainingsinformationen sucht, ist falsch hier. Und wer Probleme damit hat, wenn eine Autobiografie stellenweise ins Erbauliche kippt, sei vorgewarnt: Von Bredow-Werndl hat eine klare Philosophie und sie teilt sie ohne Scheu. Das ist kein Fehler, aber es ist ein Ton, den man mögen muss.