Auf einen Blick
- Sprecher: Robert Frank findet einen guten Rhythmus für diese dunkelromantische Abenteuerwelt und verleiht der Protagonistin Rya Eigenständigkeit und Überzeugungskraft.
- Themen: Gefangenschaft und Freiheitsdrang, Geschlechteridentität, Freundschaft in der Hoffnungslosigkeit
- Stimmung: Düster und spannungsgeladen, mit überraschend warmherzigen Momenten
- Fazit: Ein gelungener Auftakt der Palneor-Saga, der die Welt Palneors mit echter Sorgfalt aufbaut und sofort Lust auf Band 2 macht.
Ich habe Die Gruben von Itar an einem Wochenende angefangen, an dem ich eigentlich etwas ganz anderes lesen wollte. Manchmal passiert das: Ein Hörbuch fängt an, bevor man sich entschieden hat, ob man Zeit für es hat, und plötzlich sitzt man zwei Stunden später noch da. Benjamin Keck hat das mit diesem Debüt in die Palneor-Saga geschafft.
Zugegeben, das Cover und der Titel klingen zunächst nach einem weiteren generischen Fantasy-Auftakt. Ein Ameisenhaufen, ein Titel mit dem Wort Grube, eine Außenseiterin als Protagonistin. Aber Keck macht das Vertraute interessant, weil er sich Zeit nimmt, die Welt Palneors von unten aufzubauen, aus der Perspektive derer, die am wenigsten von ihr profitieren.
Rya als Protagonistin: verkleidet, verbannt, ungebeugt
Das erste, was man über Rya erfährt, ist, dass sie sich als Mann verkleiden muss, um in ihrer Stadt überhaupt eine Ausbildung zu bekommen. Diese Prämisse wird nicht als dramatische Enthüllung behandelt, sondern als selbstverständliche Tatsache dieser Welt, und das ist eine kluge Entscheidung. Es zeigt sofort, wie die gesellschaftlichen Machtverhältnisse in Palneor funktionieren, ohne einen erklärenden Absatz zu benötigen.
Rya ist keine Auserwählte mit besonderen Kräften. Sie ist klug, eigensinnig, und macht echte Fehler, die echte Konsequenzen haben. Als sie wegen einer Dummheit die Stadt verlassen muss und schließlich in den Gruben von Itar landet, einem Hochsicherheitsgefängnis am Rand der zivilisierten Welt, ist das kein melodramatischer Sturz, sondern eine logische Folge ihrer Handlungen. Ich fand das erfrischend.
Die Gruben als Ort und Gemeinschaft
Was Keck mit dem Schauplatz der Gruben macht, ist bemerkenswert. Er hätte dieses Gefängnis als eine reine Hölle der Verzweiflung zeichnen können, und die ersten Kapitel deuteten das auch an. Stattdessen entwickelt sich die Welt der Gruben zu einem Ort mit einer eigenen sozialen Ordnung, mit Hierarchien, Humor, und tatsächlicher Freundschaft. Eine Rezensentin schrieb, sie hätte erwartet, dass die Welt der Armen und Schwachen besser dargestellt wäre, und ich glaube, sie meint genau das: Keck idealisiert diese Welt nicht, aber er lässt ihr Würde.
Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, wie es der Klappentext ankündigt. Das stimmt, aber nicht auf eine beliebige Art. Keck gibt seinen Nebenfiguren echte Motivationen, die man nachvollziehen kann, auch wenn man sie nicht gutheißt.
Robert Frank und das Tempo des Hörbuchs
Robert Frank liest die 12 Stunden und 26 Minuten mit einem Rhythmus, der der Geschichte dient. Bei Fantasy-Hörbüchern neigen Sprecher manchmal dazu, in den Weltbeschreibungen zu zögern, als ob sie dem Hörer Zeit zum Visualisieren geben wollen. Frank macht das nicht. Er liest flüssig und vertraut darauf, dass Kecks Beschreibungen für sich selbst sprechen. Für Ryas Stimme findet er eine Tonlage, die jung und bestimmt klingt, ohne teenagerhaft zu werden.
Die dreiteilige Palneor-Saga ist abgeschlossen, was für Fantasy-Leser ein erheblicher Vorteil ist. Man fängt an und weiß, dass es ein Ende gibt. Das allein ist manchmal Grund genug, zu beginnen.
Für wen lohnt sich dieser Auftakt
Wer dunklere Fantasy mit starker weiblicher Hauptfigur sucht und Lust auf eine kompakte, abgeschlossene Trilogie hat, ist hier gut aufgehoben. Die Gewalt ist präsent, aber nicht exzessiv, die Romantik bleibt zunächst im Hintergrund. Wer ausschließlich epische High-Fantasy mit Kartenmaterial und hundert Nebenfiguren möchte, wird hier eine schlankere, stärker charaktergetriebene Welt finden, die nicht für jeden der richtige Einstieg ist. Ich jedenfalls habe nach dem letzten Kapitel sofort nach Band 2 gesucht.